Lokale Zeitungen – Mitgestalter der Demokratie

Rede von Redaktionsleiter Helmut Burlager zur Eröffnung der Ausstellung im Schlossmuseum Jever aus Anlass des 220-jährigen Bestehens des Jeverschen Wochenblatts

Meine Damen und Herren,

220 Jahre Jeversches Wochenblatt. Es ist mir eine Freude, Sie in diese kleine Ausstellung einführen zu dürfen, die mit dem Wochenblatt-Geburtstag inhaltlich eigentlich gar nichts zu tun hat. Aber das Jubiläum ist ein schöner Anlass, diese Ausstellung des Verbandes Deutscher Lokalzeitungen hier zu zeigen. Erstmals wurde sie im Februar 2010 in Berlin aufgebaut.

Der volle Titel der Ausstellung lautet „Über 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Lokale Zeitungen – Mitgestalter der Demokratie“. Das geht so leicht über die Lippen, eine Floskel wie aus tausend Mal gehörten Sonntagsreden.

Als vor über 60 Jahren die Bundesrepublik Deutschland an den Start ging, taten es mit ihr auch diejenigen Zeitungen, die mit Kriegsende im Mai 1945 von den Alliierten verboten worden waren und die vier Jahre lang, bis zur Verkündung des Grundgesetzes, nicht erscheinen durften.

Nun herrschte also wieder Pressefreiheit. Wieder? Die Freiheit der Presse war ja nicht 1945 verloren gegangen, sie war schon zwölf Jahre vorher, nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933, hinweggefegt worden.

Und davor war sie, beim Jeverschen Wochenblatt, von dem wir hier sprechen, aufs Übelste missbraucht worden. Von einem Chefredakteur, der die kleine Lokalzeitung zum Propaganda- und Hetzblatt, zum Sprachrohr seiner braunen Überzeugungen und derjenigen vieler anderer im Jeverland machte.

Das Jeversche Wochenblatt ist 1949, vor 60 Jahren, also mit einer schweren Hypothek, in die neue, die demokratische Zeit, gegangen. Am Anfang tat das Haus sich nicht ganz leicht damit. Am ersten Erscheinungstag kam das Blatt mit einer kleinen Notiz daher, in der sich „ein guter Freund“ zurückmeldete und anzuknüpfen versprach an die „gute alte Zeit“. So klang das jedenfalls. Kein Wort darüber, in welche Abgründe die Redaktion sich über Jahre – zunächst freiwillig und später notgedrungen – hineinbegeben hatte.

So blieb es. Zwar berichtete das Blatt über den 1950 neu aufgerollten Prozess gegen die Synagogenbrandstifter von Jever. Aber das eigene Versagen wurde in der Folgezeit eher selten thematisiert. Als jeversche Gymnasiasten Ende der siebziger Jahre die NS-Geschichte der Stadt Jever erforschten und dabei natürlich auch die Rolle der Zeitung thematisierten, sorgte das im Verlagshaus für großes Unbehagen und für nicht besonders kluge Reaktionen. Es brauchte einen Generationswechsel sowohl auf der Verlags- als auch auf der Redaktionsseite, um zu einer anderen Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit zu kommen.

Gleichwohl – natürlich ist das Jeversche Wochenblatt von Beginn an, seit 1949, ein Mitgestalter der jungen Demokratie gewesen. Und heute besinnen wir uns zum Glück nicht nur auf jenes düstere Kapitel, das ja nur einen kleinen Bruchteil der langen, langen Geschichte des Jeverschen Wochenblatts ausmacht. Wir können uns vielmehr mit berechtigtem Stolz auf die demokratischen Traditionen berufen, die ja das Blatt in seinen ersten 120 Jahren bis in die Weimarer Republik hinein geprägt haben.

Da war also jener Johann Hinrich Ludolph Borgeest aus Aurich, der hartnäckig genug war, nach etlichen vergeblichen Versuchen anderer, in Jever endlich eine Zeitung gründen zu dürfen. Von Gnaden des Zerbster Fürsten und vom ersten Erscheinungstag an unter der Knute der Zensur. Doch plötzlich war sie da, die Möglichkeit zur „Teilhabe“, wie wir das heute nennen: „Die mir mitzutheilenden Aufsätze über Ökonomie, Landwirtschaft und sonstige dem Zwecke dieser Blätter anzupassende Sachen werde ich mit ergebenstem Danke annehmen“, schrieb vermutlich Carl Hübling, der erste „Chefredakteur“ des Jeverschen Wochenblatts, wenn man ihn so nennen will.

Doch auch der erste Mettcker in der Verlagsgeschichte, Christian Ludolph, der 1816 das Blatt übernahm, musste, bevor er die Genehmigung dafür bekam, den Satz unterschreiben, dass er: „allen Befehlen der Regierung unverzüglich Folge leiste“. So schildert es Elisabeth Allmers in ihrem Editorial in der Jubiläumsausgabe, die morgen erscheinen wird.

Fünfzig, sechzig Jahre nach der Zeitungsgründung, im sogenannten Vormärz, entwickelte sich der Verlag zu einem regelrechten Zentrum der Demokratiebewegung im Jeverland. 1944 wurden die „Jeverländischen Nachrichten“ gegründet. Eine „vaterländische Wochenschrift“, deren Autoren Friedrich von Thünen, Heinrich Georg Ehrentraut und Karl Strackerjan für eine liberale, demokratische Haltung, für die Freiheitsbewegung und für anregende, wissenschaftliche und belehrende Beiträge standen. Das war Journalismus im besten Sinne: aufklärend, belehrend, Diskussionen anregend.

Damit sind wir bei unserer Ausstellung. Man müsste nicht mehr über sie sagen als dieses eine Zitat, das in der Mitte rechts auf dem Eingangsbanner steht: „Guter Lokaljournalismus lädt die Menschen ein, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen.“ Das hat Horst Köhler gesagt, unser früherer Bundespräsident.

So vielfältig die Zeitungslandschaft ist, die auf einigen Informationstafeln dieser Ausstellung beschrieben wird, so vielseitig sind auch die Ideen, mit denen Verlage und Redaktionen versuchen, die Leserinnen und Leser einzubinden, sie auf die Beine zu bringen, junge Menschen ans Lesen zu bringen, ältere zum Spenden zu bewegen, politische Debatten anzustoßen und den Finger in die Wunde zu legen, wenn es im öffentlichen Leben nicht so läuft wie es laufen sollte.

Es sind Beispiele. Nicht jede Zeitung kann all dies leisten, und nicht alles ist aufgeführt, was tatsächlich passiert. Man hätte die mobile Redaktion der Wilhelmshavener Zeitung erwähnen können, die Sportlerehrung der NWZ, die Plattdeutsch-Ecke des Anzeiger für Harlingerland, die Jugendredaktkion oder den Leserbeirat des Jeverschen Wochenblatts. Jede Zeitung entwickelt da ihre ganz eigenen Ideen, wie sie die Leute zum Mitmachen bringt.

Noch einmal kurz zurück zum Zitat von Horst Köhler: Die Menschen einladen, sich in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen! Wie das geht, konnte man in den vergangene Monaten auf faszinierende Weise miterleben am Beispiel der EWE. Ich glaube, dass Herr Dr. Brinker im letzten halben Jahr nicht viel Vergnügen gehabt hat bei der morgendlichen Zeitungslektüre. Denn die Blätter im Nordwesten waren es, in denen der öffentliche Diskurs stattfand über die Preispolitik und das Kommunikationsverhalten eines Energieversorgers, dessen Chefs ein bisschen Sonnenkönigsallüren entwickelt hatten. Doch das Volk mochte seine Verlautbarungen nicht und fand in den Zeitungen ein Forum für seinen Unmut. Das ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass Lokalzeitungen die Demokratie mitgestalten.

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